Maya-Mädchen prägen eine starke Frauengeneration

von Claudia Ulferts
Nancy aus Guatemala_Foto Sandra Gaetke

Nancy ist 16 Jahre, sie lebt im Hochland von Guatemala und ist sich sicher: Die Chance, die sie durch Plan bekommen hat, wird sie nutzen. (Foto: Sandra Gätke für Plan)

Im Hochland von Guatemala ist vieles anders. Die Herausforderungen in der Landwirtschaft sind groß, und nicht alle haben hier dieselben Bildungschancen. Vor allem die Töchter der hier lebenden Maya sind benachteiligt. Jedes fünfte Mädchen besucht gar keinen Unterricht, sehr wenige schließen die weiterführende Schule ab. Die 16-jährige Nancy hat es geschafft. Sie ist ein echtes Multitalent und macht deutlich, wie viel Potenzial in den Mädchen steckt – wenn sie durch Plan-Projekte die Chance dafür bekommen. Pressereferentin Claudia Ulferts hat Nancy besucht und berichtet über den faszinierenden Alltag einer Maya-Familie in dem mittelamerikanischen Land.

Fünf Autostunden sind es von der guatemaltekischen Hauptstadt Guatemala City bis nach Alta Verapaz. Die Region liegt zwischen dem Hochland im Südwesten und dem feuchtwarmen Tiefland im Nordosten. Von der Provinzhauptstadt Cobán führt die Tour durch Nebel wald. Viele Ökotouristen kommen hierher, um den Quetzal-Vogel – das Nationalsymbol des Landes – oder seltene Orchideenarten zu erleben. Doch von der viel gerühmten Naturvielfalt haben die Q‘eqchi-Maya wenig. Diese indigene Volksgruppe gehört zu den ärmsten Menschen Guatemalas – sie haben kaum eigenes Land, auf dem sie Mais, Kardamom oder Kaffee anbauen könnten.

Die Familie der 16-jährigen Nancy hat immerhin eine kleine Parzelle Land in der Gemeinde Secopur. Davon leben und ernähren sich Mutter Wilma, Vater Domingo und die jüngeren Schwestern Jennifer und Wilma. Steil führt eine mit Steinen übersäte Holperpiste durch von Bananenbäumen beschattete Kaffeesträucher und zu ihrem Haus. Die Mutter hat gerade ein Feuer in der offenen Küche geschürt und kocht die Mittagssuppe in einem großen Topf.

Nancy hat ein rundes Gesicht mit wachen Augen. Wie alle Maya-Frauen trägt sie einen weiten Rock und Bluse. Mutter Wilma, 35, ist stolz auf ihre Älteste, denn Nancy ist eines von 60 Mädchen, die hier über das Kinderhilfswerk Plan die weiterführende Schule besuchen. Nächstes Jahr wird sie ihren Abschluss machen. „Ich danke Gott, dass er uns solch eine kluge und fleißige Tochter geschenkt hat. Sie wird uns später helfen können. Für Jennifer und Baby Wilma wünschen wir uns dasselbe“, sagt Wilma.

Begrenzte Chancen
Sie selbst durfte nur vier Jahre zur Schule gehen. Ihr Vater starb, als sie noch ein kleines Mädchen war, und ihre Mutter hatte einfach nicht das Geld, sie zur Schule zu schicken. „Ich wäre so gerne weiter hingegangen, aber es ging nicht“, erinnert sich Wilma. „Selbst uns kostet es viel, unsere Kinder zur Schule zu schicken.“ Ihr Mann Domingo, 39, verdient durchschnittlich 30 Quetzales am Tag – das sind knapp drei Euro. Als Kleinspediteur mit einem alten Pickup-Laster transportiert er die Waren anderer. Manchmal gibt es aber keine Aufträge. Dann muss die Familie von dem leben, was der Garten und die Felder hergeben.

Vater Domingo zeigt auf ein kleines Stück Land hinter seinem Haus: Dort hat er Milpa, Mais, angepflanzt. Etwas weiter entfernt besitzt die Familie fünf „Cuerdas“ Land – das entspricht etwa 0,6 Hektar. Doch dieses Jahr hatten sie kein Glück. Die Preise für Kardamom sind eingebrochen und viele Pflanzen hatten Schädlingsbefall. Ein Pilz zerstörte außerdem die Kaffeeernte: Der Kaffeerost lässt sich nur unter starkem Einsatz von Fungiziden bekämpfen. Besitzer großer Plantagen lassen die befallenen Pflanzen deshalb lieber umkommen und verzichten auf eine Ernte – sehr zum Nachteil der Kleinstbauern, deren Existenz von der Jahresernte abhängt. Kaffeerost verbreitet sich in Windeseile und zerstört alle umliegenden Felder.

Wilma möchte nicht, dass ihre Kinder später in einer solchen wirtschaftlichen Unsicherheit leben müssen: „Ich hoffe, dass Nancy gut genug in der Schule ist, um nach der Telesecundaria ein Stipendium für ein Studium zu bekommen.“

Telesecundaria in Guatemala_Foto Sandra Gaetke

Die Telesecundaria in Tanchi schafft Bildungschancen für 155 Maya-Kinder. (Foto: Sandra Gätke für Plan)

Tele-Unterricht verbessert die Bildung
Die Telesecundaria in Tanchi ist eine von 32 weiterführenden Schulen in San Pedro Carcha, die Plan bis Anfang 2015 mit Computern, Bildschirmen und dem notwendigen Mobiliar ausstatten wird. Das Bildungsprojekt wird im Rahmen der Kampagne Because I am a Girl durchgeführt und soll vor allem Mädchen die Chance auf eine weiterführende Schulbildung geben. Angebote wie diese sind wichtig. Denn in San Pedro Carcha schließen bislang nur zwölf Prozent der Kinder eine weiterführende Schule ab. Bei den Maya-Mädchen fällt die Bilanz noch schlechter aus: Nur 5,8 Prozent beenden die Sekundarstufe, jedes fünfte Maya-Mädchen besucht gar keinen Unterricht.

Häufig finden Familien es nicht wichtig, dass ihre Töchter eine Schule oder gar eine weiterführende Schule besuchen. Die Mädchen heiraten ohnehin im Teenageralter und bekommen dann ihre Kinder – so die vorherrschende Meinung. Zudem wird oft von jüngeren Frauen erwartet, dass sie auf ihre kleineren Geschwister aufpassen und ihre Eltern entlasten. Maya-Mädchen in ländlichen Regionen haben es deshalb besonders schwer, eine gute Bildung zu bekommen. Und diejenigen, die in einer Klasse Platz gefunden haben, stoßen auf sprachliche Herausforderungen: viele Maya sprechen kein Spanisch, doch die meisten Schulen nehmen darauf keine Rücksicht. Auch das will Plan ändern und fördert Maßnahmen für Mehrsprachigkeit in den Klassen.

„Plan war eine große Hilfe“
Schuldirektor Rigoberto Merida de la Cruz sagt über das Projekt: „Plan war eine große Hilfe für uns. Die Regierung hat zwar bewusst den Tele-Unterricht auf dem Land eingeführt, weil dabei ein Lehrer eine Klasse alleine unterrichten kann. Aber wir hatten lange keine Ausstattung, um die Unterrichtsvideos abzuspielen. Uns fehlten Möbel und unsere Lehrer waren schlecht qualifiziert für diese Art des Unterrichts.“ Tatsächlich ist Unterstützung vom Staat in dem früheren Bürgerkriegsland mager. Gerade 2,8 Prozent des Gesamtetats werden in Guatemala für Bildung ausgegeben. Das ist die niedrigste Rate in ganz Lateinamerika.

In Tanchi gibt es fünf Klassen mit 155 Schülerinnen und Schülern. Schuldirektor de la Cruz möchte die Telesecundaria ausbauen und bis zu 250 Kinder erreichen. Dazu lädt er regelmäßig Eltern ein, um sie zu überzeugen, dass sich eine Teilnahme für ihre Sprösslinge lohnt. Alle Kinder sollten auf die weiterführende Schule geschickt werden. Bedingung ist allerdings, dass die Mädchen und Jungen regelmäßig erscheinen – so wie Nancy.

Nancy – ein echtes Multitalent
Die 16-Jährige zeigt, wie engagiert Mädchen ihre Chancen wahrnehmen. Die Lernleistungen sind ausgezeichnet, sie leitet die Cocoditos-Kinderrechtsgruppe in Secopur, ist Schülersprecherin sowie Vorsitzende eines von Plan ins Leben gerufenen Schüler-Sparprojektes.

„Ich glaube, sie kann niemals nichts tun“, lacht Wilma und blickt stolz auf ihre Älteste. Dabei hat Nancy noch viel mehr zu tun. Jeden Morgen steht sie mit ihrer Familie um fünf Uhr auf und hilft ihrer Mutter, in der Küche Feuer zu machen. Sie backen gemeinsam Tortillas. 40 Maisfladen verzehrt die Familie jeden Tag. Dazu gibt es manchmal „frijoles“, schwarze Bohnen, und eine mit scharfem Chili gewürzte Kräutersuppe. Nach dem Frühstück wird das Haus gefegt, das Geschirr gespült und die Kleidung mit der Hand gewaschen. Oft passt Nancy auch auf das Baby auf, damit ihre Mutter auf die Felder kann.

Weite Wege, unwirtliches Gebiet
Mittags ist es dann endlich so weit. Während ihre Eltern unterwegs sind, läuft Nancy hinüber zur Schule. Nur 20 Gehminuten trennen sie vom Tele-Unterricht, der um 13 Uhr startet und bis nach 18 Uhr dauert. Andere Kinder haben es sehr viel weiter und sind zu Fuß zwei Stunden unterwegs. „Der Rückweg macht mir manchmal Angst, weil ich dann im Dunkeln gehen muss“, sagt Nancy. „Es hat hier schon Überfälle auf junge Mädchen gegeben.“ Und so ist sie froh, dass sie von zwei Mitschülerinnen begleitet wird. Manchmal werden sie von Jungen belästigt: „Sie pfeifen uns hinterher und sagen blöde Sachen zu uns.“

In Guatemala ist Gewalt alltäglich. Das Land hat eine der höchsten Kriminalitätsraten in Mittelamerika. Sexueller Missbrauch ist weit verbreitet, auch innerhalb der Familien. „In unserer Gemeinde hat ein Jugendlicher seine noch nicht mal halb so alte Kusine vergewaltigt. Ich denke manchmal, wenn mir so etwas passiert wäre, hätte das mein Leben zerstört“, erklärt Nancy nachdenklich. Doch durch Plan hat sie auch gelernt, sich zur Wehr zu setzen: „Wenn uns Jungs bedrängen, warne ich sie. Ich sage ihnen, dass ich sofort zu meinen Eltern oder zur Polizei gehe, wenn sie mich anfassen. Dann trauen sie sich nicht mehr.“

Sparen will gelernt sein
Hier im schönen wie gefahrvollen Hochland will Plan mehr als gute Bildung und Schutz für Mädchen durchsetzen. Die Kinder sollen auch praktisch auf ihr Leben vorbereitet werden. Ende 2012 wurde ein Sparprojekt für Jungunternehmer gestartet, bei dem momentan 20 Mädchen und Jungen mitmachen. Alle haben nach einem ersten Spar-Workshop jeweils 15 Quetzales aufgebracht und in die gemeinsame Kasse eingezahlt. Damit hatten die jungen Unternehmer genügend Kapital, um eigene kleine Verkaufsideen zu realisieren.

Wieder ist es Nancy, die die Gruppe leitet. Schon seit ihrer Kindheit hat sie Erfahrungen im Straßenverkauf. Weil ihre Familie meist kein Bargeld hatte, gab ihr die Mutter oft Naturalien mit zur Schule. „Ich habe Pfirsiche und Kompott in kleinen Beuteln mitbekommen, die ich dann gegen Kekse oder andere Sachen getauscht oder verkauft habe“, sagt Nancy. Meine Mutter wollte, dass ich mich ans Arbeiten gewöhne und Dinge auf der Straße verkaufe.“

Jeden Freitag trifft sich nun die Gruppe in der Schulküche, um Empanadas, leckere Teigtaschen, zu backen oder Atol herzustellen, ein typisches Maisgetränk. Diese Nahrungsmittel verkaufen sie dann am Wochenende. Mittlerweile haben die Jugendlichen schon 285 Quetzales gespart. Für das nächste Dorffest planen sie schon, Wurfspiele mit Konservendosen zu veranstalten und so weiteres Geld einzunehmen. Und selbst im Radio sind einige der Jugendlichen live zu hören.

Jugendliche berichten über ihre Nöte
Im Lokalsender Radio Pocolá haben Nancy, Alida, Albertina und ihre Freunde wöchentlich eine Stunde Sendezeit. Am Mikrofon sind sie inzwischen echte Profi s und genießen es, einen öffentlichen Raum für ihre Belange zu haben. Heute interviewen sie eine Politikerin der Region. Anschließend geht es um das Thema frühe Schwangerschaften.

Nancy möchte auf keinen Fall heiraten, bevor sie Mitte 20 ist, wünscht sich aber irgendwann einen netten Freund: „Er sollte verständnisvoll sein und gut arbeiten können.“ Sie zögert kurz: „Und ,guapo‘ – hübsch – soll er natürlich auch sein!“ Doch bisher hat sie sich noch nie richtig verliebt. „Die Männer hier sind solche Machos. Sie überreden Mädchen zum Sex und lassen sie dann mit dem Baby sitzen. Oft verbieten Ehemänner ihren Frauen aus Eifersucht sogar, ihre Familie zu besuchen.“

Die Maya-Mädchen sind überzeugt, dass Bildung auch den Jungen hilft, sich zu verändern. Jungen, die die weiterführende Schule besuchen, respektieren die Mädchen mehr. „Bei Radio Pocolá sprechen wir darüber, dass Mädchen und Jungen die gleichen Rechte haben. Wenn das überall so wäre, hätten wir eine gerechtere Welt. Das wünsche ich mir sehr!“, sagt Nancy. Engagierte Mädchen und Frauen wie sie können den Wandel in Guatemala herbeiführen. Sie sind schon jetzt wichtige Vorbilder in ihren Gemeinden, an denen sich andere orientieren.

Interessant? Weitersagen:



Schreibe einen Kommentar